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Das dunkle Ende des Traums

Er sah auf seine Hände. Es waren schöne Hände; lange gerade Finger, aber doch kräftig. Die Nägel waren nicht zu schmal und nicht zu breit und perfekt manikürt. Er legte Wert auf seine Hände, erwartete man in seiner Stellung doch ein gepflegtes Äußeres. Aber was noch wichtiger war: Seine Hände waren sein Werkzeug, oder doch eines der Werkzeuge, derer er sich bediente. Er sah sich eigentlich insgesamt als Werkzeug. Als Diener und Umsetzer einer Geisteshaltung und simpler ethischer Normen.

Wer machte sich heute eigentlich noch Gedanken über Normen? Über eine sittliche Geisteshaltung? Über Moral? Kein Mensch. Selbst das Wort ‚Moral‘ wurde nicht mehr in den Mund genommen, es wurde als antiquiert empfunden. Gewisse Worte und Werte waren nicht mehr zeitgemäß, passten nicht mehr in das aufgeklärte und moderne Leben. Sie waren lästig, langweilig und hinderlich. Man lebte in einer ‚freien‘ Gesellschaft ohne Wertvorstellungen. Es wurde einfach konsumiert, in Anspruch genommen, ausgereizt, wie es einem passte. Ohne Rücksicht auf andere. Grenzen verschwammen. Falls es sie überhaupt noch gab und man willens war, sie wahrzunehmen. Und meistens war das nicht der Fall. Es war viel einfacher, zu nehmen, was sich einem bot, und wieder wegzuwerfen, wenn die Lust darauf verflogen war. Man lebte seinen Egoismus.

Er ging zum Fenster und sah in den Morgenhimmel hinauf. Ein milder Wind kühlte seine heiße Stirn. Er atmete tief die würzige Luft und genoss die Stille ringsum. Das brauchte er jetzt. Stille und Frieden, um über die vergangenen Stunden nachzudenken, die seinem Leben eine neue Richtung gegeben hatten. Die ihn herausgeführt hatten aus der Unzufriedenheit und dem Gefühl der Ohnmacht. Er hatte immer hilflos zugesehen, wie die Dinge sich entwickelten, hatte gewusst, wohin sie das alles brachte, und hatte nichts dagegen unternommen. Aber er hatte genau beobachtet und seine Schlüsse gezogen. Er hatte abgewartet. Ja, so war es. Sein Leben vorher war bestimmt gewesen von Beobachten und Abwarten. Er hatte gefühlt, dass er sich in eine bestimmte Richtung bewegte, auf ein Ziel zu, ohne zu wissen, was es war. Doch jetzt wusste er es. Es war ihm plötzlich klar geworden. Die Zeit des Abwartens war vorbei.

Er hatte angefangen zu handeln.

Er schloss das Fenster und zog die Vorhänge vor.

«««««»»»»»

Der Wind fuhr leicht durch Äste und Gebüsch und ließ die Blätter rascheln. Er war weder kalt noch besonders heftig; vielmehr war es so, als suchte er sich spielerisch einen Weg durch die Bäume, schaukelte ein paar dünne Zweige, umschmeichelte Waldglockenblumen und ließ sie leicht mit den Blütenköpfen nicken. Dann fuhr er übermütig den Waldboden entlang, wirbelte trockene Blätter hoch und ließ sie sanft zu Boden gleiten. Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die Äste und machten das Spiel mit. Sie ließen die Blätter golden aufleuchten, bevor diese wieder mattbraun in den Schatten sanken, und brachten den feinen Morgentau auf Zweigen und Gräsern zum Glitzern. Einige Strahlen durchdrangen das Gebüsch und zeichneten helle Kringel auf das Haar und den Körper der Frau.

Sie lag auf dem Waldboden in einer merkwürdig verdrehten Stellung. Ihre Knie zeigten abgewinkelt zum Wald hin, das Gesicht war in dieselbe Richtung gedreht. Nur der Oberkörper lag gerade; es war, als hätte sich die Frau von etwas abgewandt, vor dem sie großen Abscheu empfand.

Sie lag nicht weit von der Straße. Motorenlärm schwoll an und verebbte wieder. Menschen fuhren ein paar Meter neben ihr vorbei, waren auf dem Weg zur Arbeit. Wenn sie sich aufgerichtet hätte, wäre sie von der Straße aus zu sehen gewesen, vorausgesetzt, jemand hätte den noch verschlafenen Blick dem Wald zugewandt. Doch weder sah jemand zum Waldrand hin noch würde sich die Frau jemals wieder aufrichten. Ihre Arme lagen angewinkelt am Oberkörper, die Unterarme waren über der Brust gekreuzt. Unter den Fingern hatte sich der Stoff ihres Kleides fast schwarz verfärbt.

Eine Fliege kreiste über der rechten Hand und setzte sich an den Rand einer tiefen Wunde am Unterarm. Dann flog sie brummend auf, drehte Spiralen über dem Körper und landete schließlich auf dem Bauch der Frau, angezogen vom süßlichen Duft des Blutes. Die ursprüngliche Farbe des Kleides war nur mehr an der Seite zu erkennen. Ein warmer Gelbton mit blauen Blüten darauf.

Es wurde allmählich wärmer. Ameisen krabbelten geschäftig auf ihren unsichtbaren Straßen dahin und wurden von dem Hindernis gestoppt. Sie liefen am Körper der Frau entlang, ein Stück am Unterschenkel hoch, und verschwanden zwischen den Zehen, um ein paar Sekunden später wieder um den Fuß herum aufzutauchen.

Leises Knacken und Hundegebell erklangen. Die Tote war nun nicht mehr allein im Wald. Das Rascheln und Knacken wurden lauter; ein schwarzer Jagdhund bewegte sich durch das Unterholz. Er hielt die Schnauze am Boden, wendete sich hierhin und dorthin, machte einen Bogen und erkundete alle wunderbaren und aufregenden Gerüche des Waldbodens. Die Rufe und Pfiffe seines Herrn ignorierte er. Plötzlich verharrte er. Mit erhobener Schnauze nahm er einen neuen Geruch auf. Er setzte sich wieder in Bewegung und verfolgte konzentriert diese intensive Duftspur. Als er die Geruchsquelle gefunden hatte, lief er aufgeregt um den Körper der Frau herum. Er bellte dabei unablässig, um seinem Herrn den Fund anzuzeigen.

Der Mann suchte seinen Weg durch den dichten Mischwaldbestand. Dürre Äste knackten unter seinen Tritten, und er schob raschelnd Zweige aus dem Weg.

"Ja, Ronnie ... Ist schon gut, mein Alter, reg dich ab. Ich komm schon ..."

Ein junger schlanker Mann tauchte zwischen den Bäumen auf. An seinem Hut und Jagdrock hingen feine Spinnweben, das Gewehr hatte er über die Schulter gehängt. Er ging leicht gebückt und kam rasch näher.

Sein Schrei blieb in den Wipfeln der Bäume hängen.

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"Unfassbar. Das liest sich wie ein Horrorroman."

Kammerlander hielt den Obduktionsbefund in der Hand und schüttelte den Kopf. Die andere Hand umklammerte seine Pfeife, in welcher der Tabak nur noch schwach glomm. Ebner lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah seinen Vorgesetzten und Freund neugierig an.

"Hör dir an, wie sie zugerichtet worden ist."

Kammerlander bemerkte, dass seine Pfeife am Erkalten war und zog hastig daran. "Schnittwunden an den Brüsten und am Bauch bis zur Vagina. Die äußeren Schamlippen zerschnitten. Mehrere Schnitte an Armen und Beinen. Beinvene links durchtrennt. Weiters ein Schnitt in jeder Fingerkuppe. Und nicht zu vergessen der Mund. Ihre Lippen wurden der Länge nach durchtrennt."

"Grauenhaft."

"Hier steht, die Schnitte wurden so geführt, dass keiner einen schnellen Tod zur Folge gehabt hat. Mein Gott. Die Schmerzen müssen entsetzlich gewesen sein."

Er fühlte einen Schauer über seinen Rücken jagen. Was war das für ein Mensch, der einem anderen so etwas antat? In was für einer Welt lebten sie eigentlich? Er zwang sich, fortzufahren.

"Das Martyrium der Frau hat zwischen einer halben und einer Stunde gedauert, vielleicht noch länger. Das hängt davon ab, welche Schnitte er zuerst ausgeführt hat."

"Er?"

"Das kann doch unmöglich eine Frau getan haben."

"Steht etwas über ihre Fesseln in dem Bericht?"

"Ja. An Hand- und Fußgelenken war die Tote mit Klebeband gefesselt, wie unser Doc gesagt hat. Spuren von Klebeband fand man auch um Mund und Ohren. Wahrscheinlich hat er ihr den Mund verklebt, als sie noch schreien konnte. Oder damit sie es erst gar nicht konnte. Außerdem fand man streifenartige Hämatome über der Stirn und dem Bauch. Hier wurden Lederpartikel nachgewiesen. Er hat also Kopf und Körper festgeschnallt. Die Frau war absolut bewegungsunfähig."

"In Anbetracht dieser Verletzungen ... Also, hätte nicht mehr Blut an der Frau sein müssen?"

"Das ist auch interessant." Kammerlander blätterte um, während er ein paar Wölkchen in die Luft paffte. "Er hat sie gewaschen. Nachdem sie tot war, hat er das meiste Blut von Gesicht und Körper gewaschen und ihr das Kleid angezogen."

"Das war sicher bequemer beim Transport der Leiche. Weniger Spuren."

"Hm. Kann sein."

Kammerlander schüttelte den Kopf.

"Womit haben wir es hier zu tun, Kurt? Mit einem Mord aus Eifersucht? Wenn man bedenkt, wie sorgfältig der Mörder mit ihr umgegangen ist. Er hat sie gewaschen, angezogen und in einer Weise hingelegt ... fast liebevoll, könnte man sagen."

"Glaube ich nicht. Solche Morde geschehen in der Regel im Affekt, wenn die Gefühle überschwappen und man nicht mehr Herr seiner Sinne ist. In unserem Fall hat sich der Mörder lange Zeit gelassen."

"Das ist wahr. Vielleicht war es eine Bestrafung. Wegen Untreue zum Beispiel. Wenn man an die Schnitte an den Lippen und im Genitalbereich denkt ..."

"Oder jemand hat sie gefoltert, um etwas zu erfahren. Vielleicht war die Frau im Besitz von Informationen, die ihr unter Schmerzen abgepresst werden sollten. Danach konnte man sie natürlich nicht am Leben lassen."

"Die vielen Schnitte ...", Kammerlander klopfte gedankenverloren mit dem Pfeifenstiel an sein Kinn. "Mir kommt da Ritualmord in den Sinn. Wie nennen die Juden das Schlachten ihrer Tiere? ‚Schächten‘ glaube ich. Da wird das Tier nicht mit einem Stich getötet, sondern sie lassen es ausbluten."

"Soviel ich weiß gibt es dafür einen bestimmten Schnitt. Den Schächtschnitt. Dabei wird dem Tier mit einer einzigen Bewegung der Hals durchgeschnitten." Ebner führte seine Hand ruckartig vor seinem Hals von links nach rechts. "Danach wird das Tier festgehalten, bis es ausgeblutet ist. Man fügt ihm keine weiteren Schnitte oder Schmerzen zu."

"Also auch keine Übereinstimmung. Hast du in letzter Zeit etwas von Sekten bei uns gehört, oder Satanskulten?"

"Nicht dass ich wüsste. – Ich denke, es ist einfach noch zu früh, um etwas sagen zu können."

"Natürlich ist es das, Kurt. Wir tasten erst einmal herum und probieren Szenarien aus. Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir jede Überlegung zulassen."

Kammerlander vertiefte sich wieder in den Obduktionsbericht.

"Das hier ist interessant ... In ihrem Rachen hat man ein Stück Papier gefunden. Ein halber Bogen normales Druckerpapier, vierfach gefaltet. Darauf war ein Spruch geschrieben. ‚Wer das Kleine nicht ehrt, ist das Große nicht wert.‘ Die Analyse ergab, dass ein schwarzer nicht wasserlöslicher Folienschreiber dazu benutzt wurde. Solche Stifte werden zu Tausenden verkauft."

Er blätterte ein paar Seiten nach hinten und zog ein Foto aus der Mappe. Er legte es Ebner auf den Tisch. "Das ist die Botschaft."Ebner studierte das Foto.

"Mit der Hand geschrieben. Zittrig, krakelig. Hm ... Noch gut lesbar. Die Flecken sind Blut, nehme ich an. Aber die Schrift ist kaum verwischt."

Kammerlander stand hinter ihm und sah über Ebners Schulter.

"Das Papier wurde ihr nach ihrem Tod in den Mund geschoben. Es gab keine Speichelbildung mehr."

"Fingerabdrücke?"

"Nur die des Opfers."

"Das heißt, sie wurde vor ihrem Tod gezwungen, das zu schreiben?"

"Wahrscheinlich. Die Graphologen werden die Nachricht mit einer Schriftprobe des Opfers vergleichen."

"Wurde sie vergewaltigt?", fragte Ebner.

"Nein. Keine Verletzungen oder Samenspuren in der Vagina. Der Kerl hat uns nicht den Gefallen getan, seine Visitenkarte zu hinterlassen. Nicht einmal das kleinste Haar. Aber warte ..."

Er verstummte und las mit gerunzelter Stirn.

"Also, das ist merkwürdig ..."

"Was?"

"Es wurde Scheidenflüssigkeit in der Vagina gefunden. In einer Konzentration, die auf einen hohen Grad sexueller Erregung schließen lässt."

"Phhh ..." Ebner blies nachdenklich seinen Atem aus. "Also, jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Wie soll das abgelaufen sein? Vielleicht ein Sado-Masospielchen, das aus dem Ruder gelaufen ist? Die Frau ist erregt, hat Lust, mit ihrem späteren Mörder zu schlafen. Nehmen wir einmal an, sie fand Gefallen an ein wenig außergewöhnlichen Sexualpraktiken, lässt sich vielleicht gerne fesseln. Aber mit Klebeband? Und dann noch so niedergeschnallt, dass sie sich nicht mehr rühren kann? Wo bleibt da für sie der Spaß? Andererseits muss sie freiwillig mitgemacht haben. Es wurden ja keine Anzeichen eines Kampfes oder Abwehrverletzungen festgestellt."

Kammerlander schüttelte den Kopf.

"Ihre Teilnahme war sicher nicht freiwillig." Er klopfte mit dem Pfeifenstiel nachdrücklich auf den Obduktionsbefund. "Hier steht, dass sie betäubt wurde. Das beweist der Mageninhalt. Man fand Champagner vermischt mit einem starken Schlafmittel.Valium."

«««««»»»»»

Er saß in seinem Wagen und fuhr langsam den unbeleuchteten Weg entlang. Es war stockdunkel, obwohl es erst halb zehn war. Der Regen prasselte monoton auf das Autodach. Beinahe hätte er die Zeit für seine Verabredung übersehen, so gefangen genommen war er von seiner Aufgabe gewesen. Doch er würde es noch schaffen, zeitgerecht zu erscheinen. Er hatte nur ein wenig improvisieren müssen.

Er merkte, dass er feuchte Hände hatte, und wischte sie an seiner Hose ab. Er war unruhig und aufgedreht. Erneut hatte er eine Sache zum Abschluss gebracht. Während er die Handlung vollzog, war er vollkommen ruhig gewesen. Er hatte gewusst, dass er das Richtige tat. Dass er es tun musste. Wer sonst sah überhaupt die Notwendigkeit?

Doch dann wäre ihm beinahe die Zeit davongelaufen. Er hatte sich beeilen müssen. Das hatte dem Abschluss das Würdevolle genommen, fand er. Doch das ließ sich nicht mehr ändern. Die Bestrafung war jedenfalls vollzogen.

Seine Hände schwitzten noch immer. Er fuhr an den Straßenrand und zog ein Taschentuch aus seiner Jacke. Gedankenverloren rieb er die Hände an dem kühlen Stoff. Er starrte durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit. Seine Gedanken drifteten in die Vergangenheit, schwammen in einem zähen Nebel aus zusammenhanglosen Worten und Erinnerungsfetzen. Ein Bild stieg vor seine Augen, verschwommen zuerst, dann immer deutlicher.

Er war noch ein Kind. Eine Frau lag vor ihm in einer grotesken Verrenkung. Das aufgelöste Haar war wie ein Kranz um sie gebreitet. Neugierig kam er näher. Er hockte sich hin, um sie genauer zu betrachten. Sie blutete aus unzähligen Wunden und konnte sich nicht bewegen. Das ungläubige Staunen in ihren Augen wandelte sich zu freudigem Erkennen, als er in ihr Blickfeld kam. Sie versuchte die Hand zu heben, doch sie rührte sich nur ein paar Zentimeter und fiel wieder hin. Sie versuchte zu sprechen, aber es kam nur "Hiiilf ..." heraus. Er bewegte sich nicht, holte keine Hilfe. Er fühlte nichts. Außer der Gewissheit, dass das hier absolut richtig war. Er fuhr fort sie anzustarren und nahm das Erlöschen der Hoffnung in ihren Augen wahr, als sie begriff, dass er ihr nicht helfen würde. Sie blickte weg von ihm und starrte nach oben, zu schwach, die Augen zu schließen. Er sagte kein Wort, blieb bei ihr sitzen und sah ihr beim Sterben zu.

Langsam nahm er seine Umgebung wieder wahr. Er schüttelte den Kopf, um die Bilder zu vertreiben und legte den ersten Gang ein. Er lenkte das Fahrzeug wieder auf die Straße. Es war damals richtig gewesen, und das war es auch heute. Es musste so etwas wie Gerechtigkeit geben. Er schaltete in den zweiten Gang.

Natürlich gab es rechtliche Normen, die einen Großteil des menschlichen Verhaltens und Umgangs miteinander abdeckten. Sie waren unumgänglich in jeder Zivilisation, um ein Zusammenleben überhaupt erst möglich zu machen. Aber es gab auch Lücken. Besonders was das moralische Verhalten betraf. Hier gab es Grauzonen und Schlupflöcher. Es gab kein Gesetz, das Untreue bestrafte, das subtile seelische Grausamkeiten und sexuelle Gier ahndete. Bei der Hälfte der Menschheit wurde besonders großzügig über solches Fehlverhalten hinweggesehen, fand er. Bei der weiblichen Hälfte nämlich. Irgendwie stiegen Frauen bei Auseinandersetzungen immer als bemitleidenswerte Opfer aus, in denen niemand die Schuldigen oder Verursacher einer Kurzschlusshandlung oder eines Verbrechens sah. Frauen umgab anscheinend eine Aura moralischer Unantastbarkeit.

Doch er hatte sie durchschaut. Sie waren in den meisten Fällen die wahren Schuldigen. Er wusste das. Sie luden Schuld auf sich, erkannten sie oftmals aber gar nicht. Oder sie verleugneten diese Schuld vor anderen und vor sich selbst, wanden sich in einem Geflecht von Erklärungen und Entschuldigungen. Sie bereuten nichts, und es gab kein Gesetz, um sie zur Verantwortung zu ziehen. Und hier begann seine Aufgabe. Er würde von nun an für Gerechtigkeit sorgen, er würde dafür sorgen, dass wenigstens ein kleiner Teil jener Fehlgeleiteten ihr Unrecht erkannte. Und wenn diese Frauen schon nicht bereuten, so sollten sie wenigstens büßen.

 

 

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