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Der Schrei des Lipizzaners

Es war der Tag des ersten Gewitters.
Den ganzen April hindurch und auch einige Tage im Mai hatte es geregnet, aber das war nicht das Gleiche gewesen. Nicht wie an diesem Tag. Vorher hatte der Regen ruhig und gleichmäßig die Erde genässt und der Natur ohne großes Aufhebens in wenigen Wochen ein saftig grünes Kleid übergestülpt.
Doch an diesem ersten Junitag war es bereits frühmorgens sehr warm. Das strahlende Blau des Himmels veränderte sich bis zu Mittag zu einem milchigen Grau, ein ursprünglich frisches Lüftchen hatte sich immer lustloser gezeigt und schließlich davongestohlen. Der Nachmittagshimmel schließlich drückte mit bleierner Hitze eisengrau auf die Landschaft. Alles hielt den Atem an, wartete auf die Entladung.
Das Portal öffnete sich, und ein Mädchen trat aus der alten Villa. Sofort legte sich die Feuchtigkeit wie ein Film auf ihre Haut. Sie brachte keine Abkühlung, im Gegenteil. Lustlos stieg sie die Stufen hinab und lenkte ihre Schritte hin zum Park, der das elterliche Anwesen umgab.
Sie wusste nichts mit sich anzufangen. Eigentlich könnte sie so viel tun. Sie könnte beispielsweise die Stereoanlage aufdrehen und sich mit voller Lautstärke beschallen, ohne heftigen Protest zu ernten. Ihre Eltern waren zu einer Ausstellung und ihr Bruder zu einem Freund gegangen. Oder sie könnte die Videoanlage einschalten und sich den Krimi ansehen, den sie gestern aufgenommen hatte. Oder an ihrer Hausarbeit weiterschreiben. Oder ein Buch lesen. Zu nichts von alldem hatte sie Lust.
Sie wollte sich nur treiben lassen.
Sich dem Gefühl hingeben, das all ihre Gedanken beherrschte.
Sie schlenderte zwischen den hohen Bäumen und den blühenden Büschen auf die rote Kinderschaukel zu, auf der sie sich vor hundert Jahren jauchzend in die Luft geschwungen hatte, höher, immer höher, direkt in den Himmel. Sie spürte einen Stich in der Brust, als ihre Hand im Vorbeigehen über das Sitzbrett der Schaukel strich. Leb wohl, Kindheit, doch sie lächelte dabei und ging weiter.
Vor dem Pavillon blieb sie stehen.
Sie sah das Tischchen mit den zwei zierlichen Stühlen, die Tontöpfe mit Grünpflanzen, ihr „Palmengarten“, in dem sie als Kind natürlich die Prinzessin gewesen war und Hof gehalten hatte. Und sie sah die Chaiselonge, die ihre Mutter vor einem Jahr neu hatte beziehen lassen. Ihr war, als würde sie den feuchten Fleck noch sehen, den sie zwischen dem Muster aus Rosenblättern hinterlassen hatten. Sie stieg die drei Stufen hinauf und berührte sanft den Satin des Bezuges.
Ob sie ihn noch riechen konnte? Diesen einzigartigen Duft der körperlichen Liebe, den sie verbreitet hatten? Sie stellte sich vor, dass sich die Duftpartikel hauchzart in den Fasern des Holzes und im Stoff der Chaiselonge eingenistet hatten, und nur Eingeweihte konnten sie wahrnehmen.
Sie lehnte sich an das Gittergeflecht der Wand und schloss die Augen.
Sie waren auf diesen Punkt zugesteuert, unausweichlich. Sie hatte es schon seit Langem gewusst. Es war nicht richtig gewesen, es durfte nicht richtig sein, aber es hatte sich so richtig angefühlt. Doch es war falsch, sie wusste es, und niemand durfte je davon erfahren. Sie würde es beenden.
Ein leichter Wind hatte sich erhoben, der warme Luftzug umspielte ihre Unterschenkel. Sie genoss das Gefühl, unter ihrem Kleid nackt zu sein. Etwas Frivoles zu tun, etwas Ungehöriges. Sie hielt die Augen geschlossen und wiegte sich leicht hin und her. Wenn ihr Geliebter sie jetzt sehen könnte, und ein verträumtes Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. Was sie getan hatten war verboten, aber einerlei, jetzt, in diesem Moment war es egal.
Der Himmel hatte sich mit dunkelgrauen Wolken verhangen. Rasch nahm der Wind an Stärke zu, in kurzen kräftigen Böen fuhr er durch das Gittergeflecht. Sie bemerkte es nicht. Die sich ausbreitende Dämmerung bewahrte die Abgeschiedenheit und Intimität des Pavillons.
So hatte sie ihn auch nicht kommen gehört, und als sie ihn überrascht vor sich sah, waren all ihre reumütigen Gedanken dahin. Sie fühlte seinen Atem an ihrem Ohr, seine Lippen auf ihrem Hals, ihren Brüsten. Oh Katharina, meine herrliche Katharina, meine Geliebte. Nichts blieb von ihren Vorsätzen, als sie sich an ihn klammerte. Ihr Keuchen vermischte sich mit dem Prasseln des Regens und Donnergrollen.
Als sie die Augen öffnete, sah sie eine große Gestalt am Eingang des Pavillons stehen. Es war der Gott des Zorns, der Donnergott, vom Licht der Blitze sekundenlang mit Feuer übergossen, dann in Dunkelheit getaucht. Er stand regungslos, sein Blick nagelte sie an die Wand, während der Wind an seinen Haaren und der Kleidung riss.
Dann löste sich die Erstarrung der Gestalt, sie hörte das Brüllen zugleich mit einem erneuten Donnerschlag, und ihr Vater stürzte auf sie beide zu.


Wolfgang Grebien saß in einem bequemen Sessel vor dem Fenster. Es war später Vormittag, die unanagenhme Helligkeit war aus dem Raum gewichen. Wenn er den Tag in seinem Zimmer verbringen musste, wartete er morgens darauf, dass die Sonne das erste Viertel ihrer Bahn hinter sich gebracht hatte, bevor er sich ans Fenster setzte. Sonnenstrahlen taten seinen Augen weh.
An solchen Tagen kam die Schwester Schlag sieben ins Zimmer gestürmt. Mit einem aufmunternden Morgengruß riss sie die Vorhänge zur Seite. Er hasste das. Die Sonne überfiel ihn mit einem Schwall stechender Helligkeit und zwang ihn, die Augen zu schließen. Am liebsten hätte er sich zur Seite gedreht und die Decke über den Kopf gezogen. Alles ausgesperrt. Diese Frau, das Licht, die Gedanken. Aber es blieb bei der Vorstellung. Der professionellen Munterkeit der Schwester hatte er nichts entgegenzusetzen. Er hatte eigentlich nichts und niemandem mehr etwas entgegenzusetzen. So war das.
Es ging ihm nicht gut.
Das hieß, es ging ihm nicht schlecht im Vergleich zur vergangenen Woche. Da hatte ihn eine Verkühlung für mehrere Tage ins Bett gezwungen. Diesmal war es schlimmer gewesen als sonst. Das Fieber hatte ihn sehr geschwächt und nicht weichen wollen; die Schmerzen waren heftiger gewesen; dazwischen Apathie, aus der er am liebsten nicht mehr aufgetaucht wäre. Aber allzu oft würde er das nicht mehr erleben müssen. Die Krankheit hatte ihn in ihrem Netz gefangen wie eine Spinne ihr Beutetier. Und wenn sie Hunger verspürte, kam sie über ihn. Sie saugte jedes Mal an seinen Reserven, trank von seinen Körpersäften, nagte an seiner Widerstandskraft. Hinterließ ihn jedes Mal deutlich geschwächter. Seine verzweifelten Versuche ihr zu entkommen nahm sie gelassen hin. Sie gab ihm ein wenig Zeit; nicht genug, um ihn in Sicherheit zu wiegen, nur gerade so viel, dass Hoffnung in ihm aufkeimen konnte. Dann kam sie unerbittlich wieder, ihr hungriges Maul weit aufgerissen, und schlug ihm die Zähne noch tiefer ins Fleisch.
Er legte seinen Kopf kraftlos an die Scheibe. Die Helligkeit draußen war immer noch unerträglich. Mit zitternden Händen schob er die Sonnenbrille vor seine eingesunkenen Augen. In einem halben Jahr wurde er vierunddreißig. Doch er glaubte nicht, dass er noch so lange leben würde. Vielleicht nicht einmal mehr halb so lang.
Wie hatte es so weit kommen können? Wie hätte er sein Schicksal abwenden können? Ja, natürlich hätte er seine Krankheit vermeiden können. Aber das hätte bedeutet, dass er seine Natur, dass er sich selbst hätte verleugnen müssen. Dass er das Leben eines Menschen hätte führen müssen, der er nicht war. Ein verlogenes und unglückliches Leben. Doch wie sah das Leben aus, das er gewählt hatte? Bis zu einem gewissen Grad war es ebenso verlogen gewesen, glücklich aber keinesfalls.
Wann hatte er es zum ersten Mal gemerkt? Vielleicht an dem Nachmittag, an dem er als Dreizehnjähriger mit einem Freund Pornovideos angeschaut hatte. Dessen älterer Bruder besaß eine Sammlung solcher Filme, das zeitweilige Fehlen einiger Videos war nie aufgefallen. Das Beobachten nackter Frauen und kopulierender Paare in allen erdenklichen Stellungen hatte ihn nicht angemacht. Doch dann sah er einen Mann, nackt, der seinen durchtrainierten Körper langsam mit Öl einrieb. Als er seinem Penis die gleiche Behandlung angedeihen ließ und dieser zu beachtlicher Größe anschwoll, hatte er selbst eine so heftige Erektion, dass er in die Toilette flüchten musste, sonst hätte er in die Hose ejakuliert. Die Erinnerung an diesen Mann hatte ihm noch viele Nächte lang feuchte Träume beschert.
Gewusst hatte er es einige Jahre später, als bei einem Schulfreund eine Party gefeiert worden war. Dessen Eltern waren auf Urlaub, Hardrock-Sound beschallte die ganze Nachbarschaft, Alkohol floss in Strömen. Schon bald fielen die Hemmungen. Ein Mädchen aus der anderen Klasse zog ihn ins Haus, drängte sich an ihn, küsste ihn. Dann zog sie ihn auf die Couch, legte seine Hand auf ihre Brust und begann, an seiner Hose herumzufummeln. Das alles war ihm nur unangenehm. Er markierte den Betrunkenen, lallte wirres Zeug und rollte sich auf den Boden, wo er vorgab eingeschlafen zu sein. Als das Mädchen weg war, verließ er ungesehen die Party.
Er hatte mit Mädchen nichts am Hut.
Er war schwul.
So einfach war das.
Dann kam die Zeit des Versteckens und Verleugnens. Heutzutage ist es doch kein großes Ding mehr, schwul zu sein, hörte man allenthalben. Diese Leute hatten gut reden. Er registrierte nur zu oft die abwertenden Sprüche über Homosexuelle, spürte die Verachtung darin, ertrug die Schwulenwitze, ja, einige Male setzte er selbst sogar noch einen drauf. Er hatte sich eine Strategie zurechtgelegt. An jedem Mädchen, das ein Single war, hatte er etwas auszusetzen gehabt und das auch seinen Freunden kundgetan. Das enthob ihn einer Erklärung, warum er noch nie mit einem Mädchen zusammen war. Wenn die Richtige kommt, erfahrt ihr es als Erste, sagte er. Er tat alles, um seine Neigung vor seinen Freunden zu verheimlichen, besonders aber vor seiner Familie.
Sein Vater war bereits 45 gewesen, als endlich nach zwei Mädchen der ersehnte Sohn geboren worden war. Der Erbe des größten Fotogeschäftes im Bezirk. Der Kronprinz. Er hätte nicht sagen können, dass er strenger oder liberaler erzogen worden war als andere Jungen. Er hatte sich nie bevormundet oder eingeengt gefühlt. Aber er wusste um die Erwartung des Vaters auf Fortführung des Geschäftes und der männlichen Grebien-Linie. Und er wollte ihn nicht enttäuschen. Er war kein Rebell, hatte wenig Durchsetzungsvermögen und umging Schwierigkeiten. Er war ein Mitläufer, kein Anführer. Sport interessierte ihn nicht; ihn interessierte eigentlich nichts von dem, was einen ‚richtigen Kerl’ ausmachte. Er liebte die Ästhetik des kreativen Gestaltens, und er mied Auseinandersetzungen so gut er konnte.
Er hoffte, dass ihm eines Tages ein Mädchen über den Weg laufen würde, mit dem er in der Lage wäre, für Nachkommen zu sorgen. Danach wäre er frei. Dann würde er sein ‚Coming out‘ haben. Dann hätte er den Ansprüchen seiner Umgebung genügt und hätte seine Ruhe. Er erlernte das Handwerk des Fotografen, was für ihn kein Opfer bedeutete, da er mit der Materie ohnehin vertraut war, und schrieb sich auf der Kunsthochschule für ein Grafikstudium ein.
Doch mitten im Studium war er in eine Geschichte hineingeraten, die ihn nie wieder losgelassen hatte. All die Jahre hatte er versucht, sie abzustreifen. Es hatte nicht funktioniert. Er hatte sich eingeredet, seine innere Ruhelosigkeit und das Schuldgefühl resultierten einzig aus der Verleugnung seiner Homosexualität. Er beschloss, dass es nun an der Zeit wäre, sich Gleichgesinnte zu suchen und seine Neigung auszuleben. Also begann er, sich in Graz in Schwulenbars herumzutreiben. Alkohol, Drogen und wechselnde Sexualpartner bestimmten sein Leben außerhalb der Arbeit. Inneren Frieden fand er trotzdem nicht.
Dann wurde er krank. Er litt plötzlich unter Kopfschmerzen, Hautausschlag, Durchfall, Übelkeit und Fieber. Er war lustlos und abgespannt, hatte keinen Appetit mehr und das Schlucken tat ihm weh. Das ging über mehrere Wochen so. Er konsultierte keinen Arzt, da er die Ursachen für sein Befinden im Alkohol- und Drogenkonsum vermutete. Als er auf diese Substanzen verzichtete und ein gesünderes Leben begann, verschwanden die Symptome allmählich.
Die nächsten acht Jahre verliefen ohne Komplikationen. Er absolvierte sein Studium, baute mit seinem Vater das Fotogeschäft zu einem Foto- und Grafikstudio um, und moderne Einflüsse, Arbeitsweisen und Produkte ließen den Laden prosperieren. Er wechselte seine Partner nicht mehr so oft, sondern ließ sich auf längere Beziehungen ein. Wieder gelang es ihm, seine Homosexualität vor seiner Familie geheim zu halten. Die zeitweiligen Andeutungen seiner Eltern bezüglich der Gründung einer Familie überspielte er mit lockeren Sprüchen. Nur mit der Erinnerung an jenen Frühsommer kam er nicht klar.
Mit der Zeit fiel es ihm leichter, sein Gewissen zu beschwichtigen. Wahrscheinlich wäre es ohnehin zu spät gewesen, wenn sie Hilfe geholt hätten. Das Resultat wäre das Gleiche, ihr aller Leben aber von einem Makel überschattet gewesen. Und schließlich hatten sie doch keine Schuld an dem Vorfall gehabt.
Aber bei diesem Punkt hatten ihn stets Zweifel beschlichen.

Dann war die Nemesis über ihn gekommen.
Vor etwas mehr als einem Jahr bekam er hohes Fieber, und der herbeigerufene Arzt konstatierte eine schwere Lungenentzündung. Die anschließenden Untersuchungen erbrachten zweifelsfrei sein Todesurteil.
Er hatte Aids.
Im letzten Stadium.
Die Ärzte hinterfragten seine Krankheitsgeschichte. Sie sagten, er hätte gute Chancen gehabt, wenn er sich vor Jahren wegen seiner wochenlangen Unpässlichkeit hätte untersuchen lassen. Das wäre höchstwahrscheinlich die akute Phase nach der Infektion gewesen. Er erinnerte sich, dass er aus Angst vor dem Bekanntwerden seines Alkohol- und Drogenkonsums nichts unternommen hatte. Er hatte sich gedrückt. Wieder einmal.
Aber danach hatte er doch jahrelang keine Symptome gehabt. Tja, sagten die Ärzte, in dieser Zeit vermehre sich das Virus im Körper, der Patient bemerke meist keine Veränderung. Diese Latenzphase dauere eben einige Jahre. Bis die Krankheit voll ausbreche.
Und das hatte sie getan.
Das letzte Jahr war eine einzige Abfolge von Fieberschüben, Schmerzen und Schwächezuständen gewesen. Tumoren hatten sich in seinem Körper ausgebreitet, im Rachen hatten sich Geschwüre gebildet, sein Gewicht hatte sich um ein Drittel reduziert. Schon der kleinste Schnupfen war eine Katastrophe, da sein Immunsystem praktisch nicht mehr vorhanden war. Seine Eltern hatten eine ehemalige Krankenschwester engagiert, die am Morgen und am Nachmittag nach ihm sah und ihm die nötigen Medikamente verabreichte. Noch war er in der Lage, ein paar Stunden täglich aufzustehen, im Studio nach dem Rechten zu sehen, einen kleinen Spaziergang zu machen. Doch er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch das unmöglich sein würde.
Am Anfang war er tief deprimiert gewesen, aber allmählich hatte er sein Schicksal angenommen. Er dachte viel über Gott nach, kam zu keinem Entschluss, ob diese Wesenheit in der einen oder anderen Form existierte oder ein Phantasieprodukt war, geboren aus der menschlichen Angst. Doch er glaubte an ein Ordnungsprinzip. Er sah eine Folgerichtigkeit in dem, was ihm widerfuhr. Am Ende wurde Bilanz gezogen, man hatte seine offenen Rechnungen zu begleichen, bei wem oder was auch immer.
Und in seinem Leben verhinderte eine noch unbezahlte Rechnung eine ausgewogene Bilanz. Die Erinnerung an jene Sommernacht suchte ihn immer häufiger heim. Er konnte noch immer das Entsetzen und die Angst spüren, die damals über ihm zusammengeschlagen waren. Er hatte Hilfe holen wollen, einen Krankenwagen, die Polizei, hatte die Wahrheit sagen und seinen Teil der Schuld auf sich nehmen wollen. Bestimmt wäre es schlimm für sie alle geworden, aber sie hätten wenigstens irgendetwas getan, die Verantwortung mit den Hilfskräften geteilt, ein gewisses Gleichgewicht hergestellt. Zumindest war das seine Sichtweise gewesen. Doch er war überstimmt worden, später sogar beschimpft und bedroht, und wieder einmal war er den Weg des geringsten Widerstandes gegangen. Er sollte sich zusammenreißen, hatten sie gesagt, und ihn wegen seiner Tränen ein Weichei geheißen. Und genau das war er auch. Am Ende hatte er geschwiegen wie die anderen.
Den baldigen Tod vor Augen wurde der Gedanke immer drängender, sich zu seinen dunkelsten Stunden zu bekennen und dieses – sein letztes – Geheimnis nicht mit ins Grab zu nehmen. Er wollte wenigstens einmal im Leben kein Feigling sein, kein Drückeberger, wollte sich nicht mehr scheuen, seine Unzulänglichkeit zuzugeben. Als er den Jungen als Grafiktexter eingestellt hatte, hatte er gewusst, dass er sein Schweigen brechen musste. Der Junge war der lebende Aufruf zur Katharsis gewesen.
Jetzt galt es noch, den letzten Schritt zu tun. Er wusste, das würde am schwersten werden. Doch er hatte nicht mehr viel Zeit. Manchmal kam bereits das Vergessen über ihn, und er wusste nicht mehr, ob er schon gegessen oder wie er die letzten Stunden verbracht hatte. Die fortschreitende Demenz würde der Begleiter seines restlichen Lebens sein. Deshalb wollte er es heute zu Ende bringen. In ein paar Stunden würde er zum letzten Gefecht antreten.
In der Fensterscheibe spiegelte sich sein geisterhaft blasses Gesicht.

 

 

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